Geroldshausen & Moos

Am 11.09.2022 gedachten etwa 100 Personen aller Opfer der nationalsozialistischer Diktatur und insbesondere der Menschen aus Geroldshausen, die aus ihrer Heimat und unserer Heimat in die deutschen Konzentrationslager und Vernichtungslager deportiert worden sind und im Holocaust durch die damaligen Machthaber umgebracht wurden. Im Bewusstsein dieser Verbrechen hat sich die Gemeinde Geroldshausen schon im Jahr 2018 für eine Beteiligung am DenkOrt Deportationen entschieden.

Geroldshausen hatte im 19. Jahrhundert ein florierendes jüdisches Gemeindeleben. Zeitweise war rund ein Drittel der 233 Dorfbewohner jüdischen Glaubens. Ihr Anteil an der Bevölkerung sank zwar schon vor der NS-Herrschaft deutlich, aber 1933 leben noch neun Juden in Geroldshausen. Fünf emigrierten nach Amerika. Abraham Maier, Salomon Bierig, seine Ehefrau Therese (geb. Mayer) und Emma Maier wurden deportiert. Abraham Maier wurde 1940 im Alter von 63 Jahren in die NS-Tötungsanstalt Hartheim bei Linz verbracht – und noch am Ankunftstag ermordet. Emma Maier wollte in einem jüdischen Altersheim in Würzburg zur Ruhe kommen, hatte aber nur wenige Monate, bis das NS- Regime sie im September 1942 nach Theresienstadt deportieren ließ, wo sie am 7. November im Alter von 76 Jahren verstarb. Auch das Ehepaar Bierig musste 1942 am Bahnhof in Geroldshausen in den Zug steigen, der sie über Würzburg nach Polen brachte. Damit endete die mehr als 600-jährige gemeinsame Geschichte jüdischer und nichtjüdischer Menschen in Geroldshausen.

Dass 49 Prozent der Deutschen einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung zufolge einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit ziehen wollten, bezeichnete Josef Schuster als erschreckend. Für Überlebende des Holocaust und auch deren Nachfahren bis in die dritte Generation seien die Traumata "weiterhin präsent", erläuterte er: "Für sie ist ein Schlussstrich schlicht nicht möglich."

Christoph Heubner, der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees wies in seinem Grußwort auf die Notwendigkeit hin, die Erinnerung in die Öffentlichkeit zu tragen: „Man muss den öffentlichen Raum besetzen.“ Die Geroldshäuser Gedenkveranstaltung besitze auch politische Relevanz: „Wir stehen hier, um der Demokratie eine Stimme und ein Gesicht zu geben.“ Denn: „Demokratie braucht Menschen, die laut sind und unser Land und unsere Demokratie stützen!“

Landrat Thomas Eberth nannte die steigende Zahl an Übergriffen auf jüdische Menschen entsetzlich: "Hier ist der Staat, hier ist jeder von uns gefordert, sich gegen Rassismus und Gewalt zu stellen."

An die junge Generation appellierte Michaela Küchler, die aus dem Geroldshäuser Nachbardorf Reichenberg kommende, ehemalige Sonderbeauftragte des Auswärtigen Amts für Beziehungen zu jüdischen Organisationen: „Bitte tragt die Geschichte von der Verfolgung und der Ermordung der europäischen Juden weiter!“ Die Gedenkveranstaltung ordnete Küchler in einen überzeitlichen Kontext ein: „Alle, die heute hier sind, nehmen teil an diesem großen Auftrag, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen.“

Josef Schuster lobte "die Verantwortlichen in Geroldshausen", dass sie im vergangenen Jahr die Courage hatten, "die Unanständigkeiten aus der unmittelbaren Nachkriegszeit" zu korrigieren. Christoph Heubner, Vizepräsident des Ausschwitz-Komitees, sagte: „Das ist ein Zeichen, dass der öffentliche Raum berührt wird, dass man Fakten schafft.“ Schuster bezeichnete es gleichwohl als "schändlich", dass Wirths Name überhaupt "so lange auf dem Denkmal" stand. Der Zentralratspräsident sagte, es gebe im heutigen Deutschland "revisionistische Kräfte", die "die Last von Auschwitz, Treblinka, Sobibor, Majdanek, Bergen-Belsen und all dieser Orte" abschütteln wollten: "Erinnern und Gedenken müssen gepflegt, aber sie müssen auch verteidigt werden."

Das Besondere am "DenkOrt Deportationen 1941 - 1944" ist: Auf dem Platz vor dem Würzburger Hauptbahnhof stehen verschiedene Gepäckstück-Skulpturen, jede steht für Deportierte aus einer unterfränkischen Gemeinde. Je ein "Duplikat" der Gepäckstücke steht in den Heimatgemeinden der Menschen im öffentlichen Raum. So wird zentral in Würzburg an die Opfer der Deportationen zwischen 1941 und 1944 erinnert, aber auch in den früheren Wohnorten der NS-Opfer. Der Geroldshäuser Beitrag wurde am Sonntag ebenfalls offiziell eingeweiht. „Die Koffer, Decken und Taschen - sie berühren. Sie geben das gespenstische Gefühl einer Reise ohne Wiederkehr“, sagte Schuster bei der Enthüllung des Gepäckstücks. „Der Koffer soll eine immerwährende Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus sein und eine Mahnung, dass sich das nicht wiederholen darf. Die Gemeinde Geroldshausen hat dabei eine besondere Verantwortung“, sagte Bürgermeister Gunther Ehrhardt. Benita Stolz, Vorsitzende des Vereins DenkOrt Deportationen, möchte, dass in allen 109 ehemals jüdischen Gemeinden Unterfrankens Koffer an die Deportation von Jüdinnen und Juden erinnert. 29 fehlten noch. In Geroldshausen sei es eine Gruppe von sechs Frauen gewesen, die sich nachdrücklich dafür einsetzten, dass auch in ihrem Dorf ein DenkOrt entsteht.

Josef Schuster wies in seiner Rede aber auch auf Folgendes hin: „Die jüdische Gemeinde hat Nachbarn und Freunde, auf die sie sich verlassen kann. Menschen, die bereit sind, sich ihrer Geschichte zu stellen und Verantwortung zu übernehmen.“ Damit meinte der Zentralratspräsident wohl auch das im Würzburger jüdischen Gemeindezentrum „Shalom Europa“ angesiedelte „Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken“. Dessen neuer Leiter, der Historiker Riccardo Altieri, berichtete über die Biografien der Schoa-Opfer mit einem Bezug zu Geroldshausen.

Eine der von Benita Stolz genannten Frauen trug zum Abschluss der Veranstaltung das Gedicht „Gemeinsam“ von Rose Ausländer vor. Die Veranstaltung wurde musikalisch umrahmt von Bernhard von der Goltz, Claudia von der Goltz, Laura von der Goltz und Mathias Ernst.

Quellen: Pirmin Breninek (Bayerischer-Rundfunk), Thomas Fritz (Main-Post), Daniel Staffen-Quandt (Sonntagsblatt), Stefan W. Römmelt (Jüdische Allgemeine)

 

Pressestimmen:

So will sich Geroldshausen der Ermordung der örtlichen Juden in den Vernichtungslagern stellen, Christian Ammon, 28.07.2022, Main-Post

Nach Kriegerdenkmal-Streit: Geroldshausen gedenkt jüdischer NS-Opfer, 06.09.2022, epd

Eine unterfränkische Gemeinde stellt sich ihrer NS-Geschichte, Pirmin Breninek, 11.09.2022, Bayerischer Rundfunk

Neuer DenkOrt Deportation in Geroldshausen: Zentralratspräsident Schuster ist besorgt um die Erinnerungskultur, Thomas Fritz, 11.09.2022, Main-Post

Schuster: Für Holocaust-Überlebende ist Schlussstrich "nicht möglich", Daniel Staffen-Quandt, 11.09.2022, Sonntagsblatt

Ein Koffer zum Erinnern, Stefan W. Römmelt, 15.09.2022, Jüdische Allgemeine

 

 

 

 

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